Arbeitsplatzgrenzwert in Deutschland
Was bedeutet der Arbeitsplatzgrenzwert in Deutschland?
Der Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) ist nach § 2 Absatz 8 der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) „der Grenzwert für die zeitlich gewichtete durchschnittliche Konzentration eines Stoffs in der Luft am Arbeitsplatz in Bezug auf einen gegebenen Referenzzeitraum. Er gibt an, bis zu welcher Konzentration eines Stoffs akute oder chronische schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit von Beschäftigten im Allgemeinen nicht zu erwarten sind.“ [1] Es ist also ein gesundheitsbasierter Luftgrenzwert. Die national geltenden Werte stehen in der TRGS 900 „Arbeitsplatzgrenzwerte“ [2].
Approach: Ich habe den Text der GefStoffV und die Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS, BekGS) des Ausschusses für Gefahrstoffe ausgewertet.
Was der Wert konkret bedeutet
- Einheit und Bezugszeit: Die Werte werden in mg/m³ angegeben, bei Gasen und Dämpfen zusätzlich in ml/m³ (ppm). Es sind Schichtmittelwerte. Sie gelten in der Regel für 8 Stunden Exposition pro Tag an 5 Tagen pro Woche über die gesamte Lebensarbeitszeit [2].
- Kurzzeitwerte: Expositionsspitzen innerhalb einer Schicht werden mit Kurzzeitwerten (Spitzenbegrenzung) beurteilt. Wer einen AGW im Sicherheitsdatenblatt angibt, muss auch einen vorhandenen Kurzzeitwert und die Herkunft des Grenzwerts nennen [2].
- Wie der Wert abgeleitet wird: Laut BekGS 901 soll der AGW Beschäftigte bei kurzfristiger und chronischer Belastung über die Atemwege dauerhaft vor Gesundheitsschäden schützen. Grundlage sind Studien mit wiederholter Verabreichung, in denen ein NOAEL ermittelt wurde. Dieser wird mit Extrapolationsfaktoren umgerechnet. Ohne NOAEL ist ein AGW in der Regel nicht ableitbar [3].
- Wer ihn festlegt: Der Ausschuss für Gefahrstoffe (AGS) schlägt die Grenzwerte nach § 2 Absatz 8 bis 9 vor und überprüft sie regelmäßig. Gibt es für einen Stoff einen Grenzwert der EU, ist unter Berücksichtigung dieses Werts ein nationaler Grenzwert vorzuschlagen (Richtlinien 98/24/EG, 2004/37/EG, 2009/148/EG). Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales macht die Werte nach § 20 Absatz 4 bekannt [4].
Rechtsfolgen für den Arbeitgeber (GefStoffV)
- Wird ein AGW überschritten, „muss der Arbeitgeber unverzüglich die Gefährdungsbeurteilung nach § 6 erneut durchführen“ und zusätzliche Schutzmaßnahmen ergreifen, um den Wert einzuhalten. Reichen alle technischen und organisatorischen Maßnahmen nicht aus, muss er unverzüglich persönliche Schutzausrüstung bereitstellen (§ 9 Absatz 3) [5].
- Kann ein AGW nicht eingehalten werden, „hat der Arbeitgeber“ die Expositionsdauer so weit wie möglich zu verkürzen und geeigneten Atemschutz bereitzustellen (§ 10 Absatz 3) [6].
- Bei krebserzeugenden oder keimzellmutagenen Stoffen der Kategorie 1A/1B gilt Folgendes, wenn der AGW trotz technischer Maßnahmen nicht eingehalten wird:
- Für Stäube ohne eigenen stoffbezogenen AGW sind die Schutzmaßnahmen so festzulegen, dass mindestens die AGW für den einatembaren und den alveolengängigen Staubanteil eingehalten werden (Anhang I Nummer 2.3) [9].
Abgrenzung bei krebserzeugenden Stoffen ohne Wirkschwelle Für krebserzeugende Stoffe ohne Wirkschwelle gibt es statt eines AGW meist zwei Werte:
- Die Akzeptanzkonzentration (§ 2 Absatz 8a) ist an ein Akzeptanzrisiko bei 40 Jahren arbeitstäglicher Exposition gekoppelt [1].
- Die Toleranzkonzentration ergänzt das risikobezogene Maßnahmenkonzept der TRGS 910.
Beide Werte sind als Schichtmittelwerte über 8 Stunden festgelegt [10].
Wenn Sie den AGW eines bestimmten Stoffs brauchen, kann ich ihn in der TRGS 900 nachschlagen, am besten mit CAS-Nummer.
Wie unterscheiden sich AGW, MAK und BAT?
Der Unterschied liegt bei zwei Fragen: Wer setzt den Wert fest, und wo wird gemessen. AGW (Luft) und BGW (Körper) sind die verbindlichen staatlichen Grenzwerte nach GefStoffV, veröffentlicht in TRGS 900 und TRGS 903. MAK- und BAT-Werte sind wissenschaftliche Vorschläge der DFG-Senatskommission (MAK-Kommission). Der MAK-Wert ist das Gegenstück zum AGW in der Luft, der BAT-Wert das Gegenstück zum BGW im biologischen Material. Die BAT-Werte dienen dem AGS als Grundlage für die BGW [11].
Approach: Ich habe die GefStoffV und die Technischen Regeln für Gefahrstoffe (vor allem TRGS 220, 400, 402 und 903) ausgewertet. Die MAK- und BAT-Werte-Liste der DFG selbst habe ich nicht ausgewertet; zu MAK und BAT stütze ich mich darauf, wie die TRGS sie einordnen.
| AGW | MAK | BAT | BGW (amtliches Gegenstück zu BAT) | |
|---|---|---|---|---|
| Wer setzt fest | AGS schlägt vor, das BMAS macht bekannt (§ 20 Abs. 4 GefStoffV) [4] | DFG-Senatskommission („MAK-Kommission“) [12] | DFG-Kommission [11] | AGS, TRGS 903 [11] |
| Medium | Luft am Arbeitsplatz | Luft am Arbeitsplatz | biologisches Material | biologisches Material, meist Blut und/oder Urin [13] |
| Rechtsstatus | verbindlicher Beurteilungsmaßstab [12] | Grenzwertvorschlag, nur heranzuziehen, wenn kein verbindlicher Maßstab vorliegt [12] | wissenschaftliche Grundlage für den BGW | in Deutschland gültiger Grenzwert [14] |
AGW (Arbeitsplatzgrenzwert)
- Definition (§ 2 Abs. 8 GefStoffV): Grenzwert für die zeitlich gewichtete durchschnittliche Konzentration eines Stoffs in der Luft am Arbeitsplatz. Bis zu dieser Konzentration sind akute oder chronische schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit im Allgemeinen nicht zu erwarten [1].
- Stellung: Die AGW nach TRGS 900 sind zusammen mit Beurteilungsmaßstäben aus stoffspezifischen TRGS die verbindlichen Beurteilungsmaßstäbe für die inhalative Exposition [12].
- EU-Bezug: Gibt es einen EU-Grenzwert, ist unter Berücksichtigung dieses Werts ein nationaler Grenzwert vorzuschlagen [4].
MAK (Maximale Arbeitsplatzkonzentration)
- Stellung: MAK-Werte sind Grenzwertvorschläge der Ständigen Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe bei der DFG. Nach TRGS 402 „können“ sie herangezogen werden, wenn keine verbindlichen Beurteilungsmaßstäbe zur Verfügung stehen [12].
- Im Sicherheitsdatenblatt: Enthalten weder TRGS 900 noch TRGS 903 einen Grenzwert, „sollten“ ersatzweise der MAK-Wert und der BAT-Wert angegeben werden, falls vorhanden [14][15].
- Beispiel: TRGS 528 nutzt für Ozon, Zink und Kupfer (jeweils mit ihren anorganischen Verbindungen) MAK-Werte, weil es dafür keine verbindlichen Grenzwerte nach TRGS 900 oder 910 gibt [16].
BAT (Biologischer Arbeitsstoff-Toleranzwert) und BGW
- Herkunft: Der BAT-Wert kommt von der DFG-Kommission. Er dient dem AGS als Grundlage für den amtlichen biologischen Grenzwert (BGW) der TRGS 903 [11].
- Definition des BGW (§ 2 Abs. 9 GefStoffV): Grenzwert für die toxikologisch-arbeitsmedizinisch abgeleitete Konzentration eines Stoffs, seines Metaboliten oder eines Beanspruchungsindikators im biologischen Material. Er gibt an, bis zu welcher Konzentration die Gesundheit von Beschäftigten im Allgemeinen nicht beeinträchtigt wird [1]. TRGS 903 verweist bei dieser Definition noch auf „§ 2 Absatz 8“ [13].
- Wie der BGW zu lesen ist:
- BGW sind als mittlere Werte für gesunde Einzelpersonen konzipiert. Bei mehreren Untersuchungen einer Person „darf“ der Mittelwert den BGW nicht überschreiten. Werte darüber „müssen“ arbeitsmedizinisch-toxikologisch bewertet werden.
- Eine Überschreitung allein bedeutet nicht notwendigerweise eine gesundheitliche Beeinträchtigung.
- Ausnahme: Bei akut toxischen Stoffen ist der BGW ein Höchstwert, der zu keinem Zeitpunkt überschritten werden darf.
- Wie beim AGW wird in der Regel eine Belastung von höchstens 8 Stunden täglich und 40 Stunden wöchentlich zugrunde gelegt [13].
Wie Luft- und Biowerte zusammenspielen
- Ein eingehaltener BGW „entbindet nicht“ von der Überwachung der Luftkonzentration. Das gilt besonders für lokal reizende und ätzende Stoffe [17].
- Umgekehrt kann der BGW überschritten sein, obwohl der AGW eingehalten ist. Das kann auf erhebliche dermale (oder orale) Aufnahme oder auf erhöhte körperliche Belastung hindeuten [18].
- Ist für einen Stoff kein niedrigerer nationaler BGW festgelegt, ist der verbindliche biologische Grenzwert der EU heranzuziehen [17].
Für einen bestimmten Stoff kann ich AGW (TRGS 900) und BGW (TRGS 903) nachschlagen und mit dem MAK- oder BAT-Wert vergleichen, soweit die TRGS diesen zitieren.
Wie finde ich den geltenden Grenzwert?
Den geltenden Grenzwert finden Sie, indem Sie eine feste Rangfolge prüfen: zuerst die verbindlichen Maßstäbe (AGW nach TRGS 900, Akzeptanz- und Toleranzkonzentrationen nach TRGS 910, Werte aus stoffspezifischen TRGS, verbindliche EU-Grenzwerte). Nur wenn es keinen davon gibt, ziehen Sie MAK-Werte, ausländische Grenzwerte, DNEL oder betriebliche Werte heran [12][19]. Maßgeblich ist immer die aktuelle Fassung der TRGS, wie sie im Gemeinsamen Ministerialblatt (GMBl) bekannt gemacht wurde.
Approach: Ich habe die GefStoffV, die TRGS 400, 402, 420, 528, 900 und 910 sowie die TRGS-900-Grenzwertliste ausgewertet.
Schritt 1: Verbindliche Maßstäbe prüfen (Luft) Nach TRGS 402 Nr. 5.1 gibt es diese verbindlichen Beurteilungsmaßstäbe [12]:
- AGW nach TRGS 900. Suchen Sie am besten über CAS- oder EG-Nummer. Ein Eintrag enthält den 8-h-Wert in ppm und mg/m³, den Überschreitungsfaktor (Kurzzeitwert), Bemerkungen zur Herkunft und das Datum der letzten Änderung. Beispiel Acetaldehyd (CAS 75-07-0): 50 ppm bzw. 91 mg/m³, Überschreitungsfaktor 1;=2=(I), Bemerkungen „AGS, DFG, Y, X“, zuletzt geändert 01/10 [20].
- Akzeptanz- und Toleranzkonzentrationen nach TRGS 910 für krebserzeugende Stoffe, abgeleitet aus Exposition-Risiko-Beziehungen. Sie stehen in Anlage 1, Tabelle 1. Beispiel Benzol: Akzeptanzkonzentration 0,2 mg/m³, Toleranzkonzentration 1,9 mg/m³ [21]. Die TRGS 910 wurde zuletzt im GMBl 2026, S. 354-355 (v. 05.06.2026) geändert [22].
- Beurteilungsmaßstäbe aus stoffspezifischen TRGS. Beispiele sind TRGS 554 (Dieselmotoremissionen) [19] und die Werte für Hartholzstaub in TRGS 553 [23].
- Verbindliche EU-Grenzwerte nach § 7 Absatz 11 GefStoffV, soweit das BMAS keine anderen Maßstäbe bekannt gegeben hat. Dazu kommen vom BMAS bekannt gegebene Maßstäbe, z. B. für Quarz-Feinstaub [19]. Nach § 7 Absatz 8 GefStoffV muss der Arbeitgeber die Arbeitsplatzgrenzwerte einhalten (Nummer 1). Die zweite Nummer verweist auf die Grenzwerte in Anhang III der Richtlinie 2004/37/EG „in der jeweils geltenden Fassung und nach Ablauf der in der Richtlinie festgelegten Umsetzungsfrist“ [24][25].
Bei krebserzeugenden Stoffen der Kategorie 1A oder 1B ohne Akzeptanz- oder Toleranzkonzentration und ohne verbindlichen Grenzwert gilt das Minimierungsgebot nach dem Stand der Technik [19].
Schritt 2: Wenn kein verbindlicher Wert existiert Dann „hat der Arbeitgeber andere geeignete Beurteilungsmaßstäbe in eigener Verantwortung heranzuziehen“ [19]. Nach TRGS 402 „können“ das sein [12]:
- MAK-Werte der DFG-Senatskommission,
- Grenzwerte anderer Länder oder Expertenkommissionen, z. B. aus der IFA-Datenbank „GESTIS-Internationale Grenzwerte“,
- DNEL nach REACH (Abschnitt 8 des Sicherheitsdatenblatts),
- firmeninterne oder branchenweite Werte, z. B. abgeleitet nach BekGS 901.
So geht etwa die TRGS 528 vor: Für Ozon, Zink und Kupfer gibt es keinen Wert nach TRGS 900 oder 910, deshalb nennt sie MAK-Werte bzw. ausländische Grenzwerte [16].
Gibt es gar keinen Grenzwert, muss der Arbeitgeber die Wirksamkeit der technischen Schutzmaßnahmen regelmäßig mit geeigneten Methoden überprüfen (§ 7 Absatz 9 GefStoffV) [25]. Das Minimierungsgebot ist dann erfüllt, wenn der Stand der Technik eingehalten ist (siehe TRGS 460) [26].
Schritt 3: Weitere Hinweise prüfen
- Biologische Werte: Neben den Luftwerten zusätzlich den BGW in TRGS 903 prüfen, wie in der vorherigen Antwort beschrieben.
- Sensibilisierung: Die Markierungen „Sa“, „Sh“ und „Sah“ in der TRGS-900-Liste kennzeichnen sensibilisierende Stoffe; dann ist die TRBA/TRGS 406 heranzuziehen [27].
- VSK: Arbeiten Sie nach einem bekannt gegebenen verfahrens- und stoffspezifischen Kriterium, kann der Arbeitgeber in der Regel davon ausgehen, dass der AGW eingehalten ist. Messungen sind dann in der Regel nicht nötig [28][25].
- Abweichende Nummerierung: TRGS 400 (Fassung 2017) und TRGS 528 verweisen für die Ersatzmaßstäbe auf „Nummer 5.4.2 der TRGS 402“. In der Fassung der TRGS 402 vom 11.9.2023 steht diese Liste unter Nr. 5.1 [12].
Wenn Sie mir den Stoff mit CAS-Nummer nennen, gehe ich diese Rangfolge für ihn durch: TRGS 900, TRGS 910, stoffspezifische TRGS und TRGS 903.