Q.01

Welcher Formaldehyd-Grenzwert gilt am Arbeitsplatz?

In Deutschland gilt für Formaldehyd (CAS 50-00-0) der verbindliche Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) nach TRGS 900 von 0,3 ml/m³ (ppm) bzw. 0,37 mg/m³ als Schichtmittelwert über 8 Stunden. Der Überschreitungsfaktor ist 2(I) (Kategorie I), daraus ergibt sich ein Kurzzeitwert von 0,6 ppm bzw. 0,74 mg/m³ [1][2][3]. Dieselben Zahlen stehen auch als verbindlicher EU-Grenzwert in der Richtlinie 2004/37/EG sowie in der Schweiz und in Österreich.

Approach: Ich habe die TRGS 900, Anhang III der konsolidierten Richtlinie 2004/37/EG (Stand 08.04.2024), die SUVA-Grenzwertliste (Publikation 1903) und die IFA-Datenbank GESTIS Internationale Grenzwerte geprüft. Den österreichischen Wert habe ich nur über GESTIS gefunden, nicht im Text der Grenzwerteverordnung (GKV) selbst.

Rechtsraum / Quelle8-h-WertKurzzeitwertHinweise
Deutschland, TRGS 900 (AGW)0,3 ppm / 0,37 mg/m³Überschreitungsfaktor 2(I)Bemerkungen: AGS, Sh, Y, X; zuletzt geändert 02/15 [1]
EU, RL 2004/37/EG Anhang III (verbindlich)0,37 mg/m³ / 0,3 ppm0,74 mg/m³ / 0,6 ppm (15 min)Hinweis „dermal sensitisation“ [4]
Schweiz, SUVA (MAK)0,3 ppm / 0,37 mg/m³KZGW 0,6 ppm / 0,74 mg/m³S (sensibilisierend), C1#B (wahrscheinlich krebserregend, mit Schwellenwert) [5]
Österreich (laut GESTIS)0,3 ppm / 0,37 mg/m³0,6 ppm / 0,74 mg/m³, als Momentanwert (Ceiling)[6][7]

Wichtige Details:

  • Übergangsregelung in der EU ist abgelaufen: Für Gesundheitswesen, Bestattung und Einbalsamierung galt bis zum 11. Juli 2024 ein höherer Wert von 0,62 mg/m³ bzw. 0,5 ppm. Seitdem gelten 0,37 mg/m³ bzw. 0,3 ppm auch dort [4].
  • Bemerkung „Y“ in der TRGS 900: Ein Risiko der Fruchtschädigung „braucht bei Einhaltung des AGW und BGW nicht befürchtet zu werden“ [8]. In der Schweiz heißt die entsprechende Notation SSC; außerdem vermerkt die SUVA keinen relevanten Beitrag zum Krebsrisiko, solange der MAK-Wert eingehalten wird [5].
  • Bemerkung „Sh“: Sie steht für eine hautsensibilisierende Wirkung, entsprechend dem EU-Hinweis „dermal sensitisation“. Eine Erläuterung von „X“ habe ich in den abgefragten TRGS-Texten nicht gefunden.
  • DFG-MAK-Kommission (Empfehlung, kein Rechtswert): Sie nennt ebenfalls 0,3 ppm / 0,37 mg/m³ und zusätzlich einen Spitzenwert (Ceiling) von 1 ppm bzw. 1,2 mg/m³ [9][10].

Wenn Sie sagen, für welches Land Sie das brauchen, kann ich zum Beispiel den österreichischen Wert direkt in der GKV nachprüfen.

Q.02

Welcher Wert gilt für die Innenraumluft?

Für Formaldehyd in der Innenraumluft gilt in Deutschland der Richtwert I von 0,10 mg/m³ (100 µg/m³). Ihn hat der Ausschuss für Innenraumrichtwerte (AIR) 2016 festgelegt, und er soll auch kurzzeitig, bezogen auf eine halbe Stunde Messzeit, nicht überschritten werden. Einen Richtwert II (Gefahrenwert) gibt es für Formaldehyd nicht. Rechtsverbindlich wie der Arbeitsplatzgrenzwert ist dieser Wert nicht: Er ist ein Maßstab zur Beurteilung der Raumluft, der dem WHO-Leitwert entspricht.

Approach: In den REACH-Beschränkungen (Anhang XVII), den Veröffentlichungen des REACH-CLP-Biozid-Helpdesks der BAuA und beim niederländischen RIVM habe ich keinen deutschen Innenraumrichtwert gefunden. Den Wert habe ich deshalb in der aktuellen AIR-Richtwertliste und in einem Fachartikel des Umweltbundesamts nachgelesen.

Der Innenraumrichtwert

  • AIR-Richtwertliste, Version 2026.01 vom 4. Mai 2026: Formaldehyd, CAS 50-00-0, Publikationsjahr 2016, RW II „-“, RW I 0,10 mg/m³. Laut Liste gelten „immer die Angaben in den veröffentlichten und aktuellen Begründungspapieren“ (UBA, Richtwertliste AIR).
  • Halbstundenbezug und WHO: Laut UBA wurde 2016 ein Richtwert I von 100 µg/m³ festgelegt, „der auch kurzzeitig, bezogen auf einen Messzeitraum von einer halben Stunde, nicht überschritten werden sollte“. Das entspricht der WHO-Empfehlung von 2010 (UBA, UMID 1/2024).

Verbindliche Emissionsgrenzen für Produkte

Diese Grenzen beziehen sich auf Prüfkammer-Messungen, nicht auf die Luft in einem realen Raum:

RegelungWertGilt für
REACH Anhang XVII, Eintrag 77 (VO (EU) 2023/1464), Absatz 10,062 mg/m³Möbel und Erzeugnisse auf Holzbasis, nach dem 6. August 2026 [11]
ebenda0,080 mg/m³andere Erzeugnisse, nach dem 6. August 2026 [11]
ebenda, Absatz 20,062 mg/m³ im FahrzeuginnenraumStraßenfahrzeuge, nach dem 6. August 2027 [12]
Chemikalien-Verbotsverordnung (Stand laut UBA-Artikel von 2024)0,1 ppm (124 µg/m³)Holzwerkstoffe, beschichtet und unbeschichtet (UBA, UMID 1/2024)
AgBB-Bewertungsschema (seit Februar 2015)NIK-Wert 100 µg/m³Bauprodukte (UBA, UMID 1/2024)
  • Ausnahmen von Eintrag 77: Er gilt unter anderem nicht für Erzeugnisse ausschließlich für den Außenbereich, für Bauteile außerhalb von Gebäudehülle und Dampfsperre, von denen kein Formaldehyd in die Innenraumluft gelangt, für Medizinprodukte, persönliche Schutzausrüstung, Lebensmittelkontaktmaterialien und gebrauchte Erzeugnisse [11].
  • Prüfbedingungen: Absatz 1 ist auf die Prüfbedingungen in Anlage 14 bezogen [11]. Laut UBA-Artikel sind das unter anderem 23 °C, 45 % relative Feuchte, eine Beladung von 1 m²/m³ und ein Luftwechsel von 1 pro Stunde (UBA, UMID 1/2024).
  • Anpassung der Chemikalien-Verbotsverordnung: Laut UBA-Artikel von 2024 muss sie wegen der EU-Regelung angepasst werden; ein Entwurf lag damals vor. Ob die Anpassung inzwischen in Kraft ist, habe ich nicht geprüft.
  • Niederlande: Laut RIVM haben Innenraumluftnormen dort keinen offiziellen Status. Ausgenommen sind die Normen für Asbest und Formaldehyd aus dem Besluit bouwwerken leefomgeving [13].

Wenn Sie wissen möchten, ob die Chemikalien-Verbotsverordnung schon an Eintrag 77 angepasst ist, kann ich die aktuelle Fassung prüfen.

Q.03

Wie lässt sich Formaldehyd zuverlässig messen?

Zuverlässig messen Sie Formaldehyd mit aktiver Probenahme: Eine Pumpe zieht Luft über einen Sammler, auf dem Formaldehyd chemisch gebunden (derivatisiert) wird, danach wird die Probe im Labor chromatographisch analysiert. Üblich ist ein mit 2,4-Dinitrophenylhydrazin (DNPH) beschichteter Sammler mit HPLC-Analyse. Prüfröhrchen und direktanzeigende Geräte taugen nur für orientierende Messungen oder Sonderfälle. Wie genau das Verfahren sein muss, hängt vom Zweck ab: Arbeitsplatz nach TRGS 402, Innenraum nach der Normenreihe DIN EN ISO 16000, Produktprüfung nach REACH Anhang XVII Anlage 14.

Approach: Ich habe die TRGS (402, 513, 522), die GESTIS-Stoffdatenbank, die Methodenblätter des spanischen INSST, die OSHA-Chemikaliendatenbank und den konsolidierten REACH-Text (Anhang XVII, Anlage 14) geprüft. Zur Messung in realen Innenräumen fand sich dort nichts, deshalb habe ich die gemeinsame Bekanntmachung von UBA und DFG von 2014 gelesen; die Normtexte selbst (DIN EN 482, DIN ISO 16000) konnte ich nicht einsehen.

1. Arbeitsplatz (Deutschland, TRGS 402)

  • Wann ein Verfahren „geeignet“ ist: Die Bestimmungsgrenze darf höchstens 0,1 × Beurteilungsmaßstab betragen, und der Mindestmessbereich reicht von 0,1 bis 2 × Beurteilungsmaßstab. Die erweiterte Messunsicherheit darf zwischen 0,1 und 0,5 × höchstens 50 % betragen, darüber bis 2 × höchstens 30 % [14]. Beim AGW von 0,37 mg/m³ ergibt sich daraus rechnerisch eine Bestimmungsgrenze von höchstens 0,037 mg/m³.
  • Kurzzeitwert: Gemessen wird grundsätzlich als 15-Minuten-Mittelwert. Das Verfahren muss eine Messunsicherheit von höchstens 50 % und einen Messbereich von 0,5 bis 2 × Kurzzeitwert haben [15].
  • Normen und Qualitätssicherung: Die Eignung „ist zu prüfen“, insbesondere nach DIN EN 482 sowie für Gase und Dämpfe nach DIN EN ISO 22065 oder 23320. Qualitätssichernde Maßnahmen wie Blindwertkontrolle und Regelkarten „sind durchzuführen“. Störeinflüsse, die den Messwert senken und sich nicht korrigieren lassen, schließen ein Verfahren aus [16].
  • Empfohlene Verfahren veröffentlichen die DFG-Arbeitsgruppe „Luftanalysen“, die DGUV und das IFA. Der AGS führt eine Liste, und weitere Verfahren stehen in GESTIS-Analysenverfahren. Ein anderes Verfahren muss in seiner Eignung einem empfohlenen entsprechen [15].
  • Messstelle: Bei einer akkreditierten Messstelle darf der Arbeitgeber davon ausgehen, dass sie die Anforderungen erfüllt. Bei einer nicht akkreditierten Stelle muss er das selbst prüfen [17].

2. Zwei validierte Verfahren als Beispiele

INSST (Spanien), 2013OSHA 52 (USA)
SammlerKieselgel mit 2,4-DNPH, Röhrchen mit 300/150 mgXAD-2 mit 10 % 2-(Hydroxymethyl)piperidin
AnalyseDesorption mit Acetonitril, HPLC-UV/VISGC-NPD
Probenahme3 l bei 0,2 l/min, validiert für 0,15 bis 0,77 mg/m³24 l bei 0,1 l/min (240 min); für den Kurzzeitwert 3 l bei 0,2 l/min (15 min)
Quelle[18][19]

Worauf es beim DNPH-Verfahren für ein verlässliches Ergebnis ankommt:

  • Klima: Es ist anwendbar bei 15 bis 30 °C und 20 bis 80 % relativer Feuchte [18].
  • Lagerung: Proben lichtgeschützt aufbewahren und innerhalb von 14 Tagen analysieren [18].
  • Störungen: Ozon verbraucht das DNPH und baut das Derivat ab. Hohe NO₂-Konzentrationen können die Derivate zerstören, und Ketone reagieren ebenfalls mit DNPH. Informieren Sie das Labor deshalb über mögliche Begleitstoffe [18].
  • Prüfröhrchen: Laut OSHA liegt ihre Messunsicherheit je nach Typ bei etwa 16 bis 33 %. Bei Formalin sollen keine Passivsammler eingesetzt werden [19][20].

3. Sonderfall Raumdesinfektion (TRGS 522)

  • Messsysteme: Sie müssen auch kurzzeitige Konzentrationen erfassen. Prüfröhrchen können die Messplanung nur unterstützen [21].
  • Freigabemessung: Nach dem Lüften wird der Raum mindestens eine Stunde verschlossen und dann gemessen. Freigegeben wird, wenn Formaldehyd 0,3 ppm (0,37 mg/m³) und Ammoniak 20 ppm nicht überschreiten. Dafür werden direktanzeigende Geräte angeboten [21][22].

4. Innenraumluft (Vergleich mit dem Richtwert von 0,10 mg/m³)

Grundlage ist die gemeinsame Bekanntmachung von UBA und DFG von 2014 (UBA, Bundesgesundheitsbl. 2014, 57:1002–1018):

  • Verfahren: Formaldehyd wird gesammelt, derivatisiert und flüssigkeitschromatographisch bestimmt. Die Bekanntmachung zitiert dafür DIN EN ISO 16000-2 (Probenahmestrategie), DIN ISO 16000-3 (Probenahme mit Pumpe, Innenraum und Prüfkammer) und DIN ISO 16000-4 (Passivsammler), jeweils in den damals gültigen Ausgaben.
  • Messung unter Nutzungsbedingungen (für den Vergleich mit Richtwerten): Zuerst wird 3 min (Winter) bis 10 min (Sommer) stoßgelüftet, dann werden Fenster und Türen geschlossen, und nach 1 Stunde wird gemessen. Raumlufttechnische Anlagen laufen vorher mindestens 3 Stunden im üblichen Betrieb.
  • Messung unter Ausgleichsbedingungen (zur Quellensuche): Der Raum bleibt nach dem Lüften mindestens 8 Stunden verschlossen, danach wird gemessen.
  • Messort: etwa ein Messpunkt je 50 m², mindestens 1 m von der Wand entfernt und mindestens 1 m hoch. Raumklima dokumentieren und einen unauffälligen Vergleichsraum mitmessen.
  • Messunsicherheit: höchstens 30 % im Bereich vom 0,5-Fachen des Richtwerts I bis zum 2-Fachen des Richtwerts II, höchstens 50 % im Bereich vom 0,1- bis 0,5-Fachen des Richtwerts I.
  • Gleichzeitige VOC-Messung: Acetonitril-Reste aus den Aldehyd-Sammlern können die VOC-Probenahme verfälschen.

5. Produktprüfung nach REACH Anhang XVII, Eintrag 77 (Anlage 14)

  • Prüfkammer: Gemessen wird bei 23 ± 0,5 °C, 45 ± 3 % relativer Feuchte, einer Beladung von 1 ± 0,02 m²/m³ (für andere Produkte notfalls nach EN 16516, Abschnitt 4.2.2) und einem Luftwechsel von 1 ± 0,05 h⁻¹.
  • Messrhythmus: mindestens zweimal täglich, mit mindestens 3 Stunden Abstand, bis die Konzentration im Gleichgewicht (Steady State) ist. Der Test dauert höchstens 28 Tage, und maßgeblich ist die Gleichgewichtskonzentration.
  • Abweichende Bedingungen: Andere Prüfbedingungen sind nur zulässig, wenn eine wissenschaftlich valide Korrelation zu den Referenzbedingungen besteht.
  • Fahrzeuge: Gemessen wird im Ambient-Modus nach ISO 12219-1 oder ISO 12219-10 [23].
Q.04